Es geht auch langsam

Eine kleine Unachtsamkeit und schon war ich für Wochen ausgeknockt. Alleine das war schon Grund genug, mich auch innerlich zu resetten – zumal ich eh nichts anderes tun konnte. Bewegung war nicht drin. Zumindest nichts, was weiter als bis zur Toilette oder Kühlschrank war. So schnell kann es gehen – dass plötzlich gar nichts mehr geht. Ein guter Zeitpunkt, dankbar zu sein, für das, was ist.

In den nächsten Tagen und Wochen hat mir mein Körper ganz genau gesagt, was geht und was nicht. Was er braucht und was ich unterlassen soll. Wieder einmal habe ich gestaunt, mit welcher Klarheit mein Körper mit mir kommuniziert – wenn ich nur genau zuhöre!

Was er am dringendsten brauchte, waren Ruhe (im Sinne von nicht anstrengen, nicht bewegen) und Zeit. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Und auch das Muskelwachstum lässt sich nicht beschleunigen. Obwohl, eigentlich doch: Indem man dem Muskel eben die Zeit gibt, die er braucht.

Irgendwann war ich soweit wiederhergestellt, dass ich mir einen normalen Arbeitsalltag wieder zugetraut habe. Und ich habe festgestellt, dass es ein Riesenunterschied ist, ob ich mich vom Klo auf die Couch in die Küche und zurück bewege, oder meiner normalen Arbeit nachgehe. Vor einiger Zeit hatte ich mir mal interessehalber eine Schrittzähler-App installiert und dadurch festgestellt, dass ich problemlos die berühmten 10.000 Schritte im Durchschnitt zusammenbringe. Woran jetzt erst einmal nicht zu denken war.

Das Wichtigste: langsam gehen! An sich einfach, weil die Wade mir ihren Rhythmus vorgibt. Trotzdem fühlt es sich ungut an, wenn ich mit Kundschaft im Schneckentempo unterwegs bin. Ich habe das Gefühl, mich erklären, rechtfertigen zu müssen. Kein Problem, von alle Seiten gibt es Verständnis und ich frage mich: Warum glaube ich, mich für die Langsamkeit entschuldigen zu müssen?

Wer sich nicht schnellschnell bewegt, fällt auf: Was ist denn mit der los? Da stimmt doch was nicht. Einerseits ist die Aufmerksamkeit erfreulich, dass die Menschen aufeinander achten und nachfragen, wenn etwas nicht so läuft wie sonst. Andererseits erschreckend: Wer nicht im Gleichschritt mitmarschiert, ist nicht normal, funktioniert nicht richtig. Niemand kommt auf die Idee, dass man „einfach so“ einen Gang runterschaltet, freiwillig langsam macht. Macht doch kein normaler Mensch. Oder?

Dass alles langsam geht, betrifft nicht nur die Fortbewegung an sich. Ich überlege bei allem, was ich tun möchte, ob das jetzt tatsächlich nötig ist, ob es eine Alternative gibt, ob ich den notwendigen Gang mit anderen Tätigkeiten verbinden kann, um mir unnötige Extraschritte sparen zu können.

Und natürlich habe und bemerke ich die Langsamkeit nach wie vor beim Yoga. Zunächst ging fast gar nichts mehr, doch Stück für Stück konnte ich mir meine Übungen wieder „zurückerobern“. Aber immer nur sehr sehr langsam und sehr sehr vorsichtig. Hier habe ich viel gewonnen, sehr viel mehr, als mir die Verletzung zwischenzeitlich genommen hatte. Mein Yoga ist jetzt (wieder) wesentlich achtsamer, bewusster, ruhiger als vorher. Ich hoffe und wünsche mir, dass ich mir das lange bewahren kann: Dieses Gefühl, in mir zu ruhen. Unbeschreiblich.

Ein kleiner Spaziergang in der Mittagspause fühlt sich momentan wie eine halbe Weltreise an. Auch hier muss ich modifizieren, andere Wege wählen, kürzer treten. Und habe viel mehr Zeit, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich sehe die Blüten in den Gärten, das satte Grün an den Bäumen. Höre die Vögel zwitschern, rieche den Flieder – für mich der Geruch des Frühlings. Alles wie jedes Jahr, alles wie immer. Und doch nehme ich es stärker, klarer, bewusster wahr. Aus dem einfachen Grund, dass alles ein bisschen langsamer geht und ich deshalb länger im Augenblick verweile. Eigentlich ganz logisch und ich stelle fest, dass ich langsam genauso ans Ziel komme. Die zurückgelegte Strecke ist dabei vielleicht kürzer. Das dabei Erlebte, Wahrgenomme dafür umso intensiver.

Mir fallen die Schlagworte ein: „Entdeckung der Langsamkeit“, „Hashtag: Entschleunigung“ – reden ja alle davon, schreiben darüber. Nichts liegt mir ferner, als auf diesen Zug aufzuspringen. Ich mache derzeit wahrlich keine großen Sprünge. Nicht mal kleine. Dennoch kann ich es euch nur empfehlen, das mit der Langsamkeit auszuprobieren. Schaltet einen Gang runter. Setzt euren Focus nicht darauf, wie ihr noch schneller weiter kommt. Sondern gönnt euch mal eine Stunde der Langsamkeit: Wie langsam kann ich eine Runde um den Block laufen? Einmal die Woche, jeden zweiten Tag für ein paar Wochen jeweils eine Stunde Zeit lassen. Ihr werdet staunen, welche Wunder ihr dabei entdeckt. Um euch herum und in euch drin. Lasst euch drauf ein!

Ich freu mich über eure Kommentare dazu!

P.S. für weiterführende Lektüre kann ich euch das Heft 2018/61 der Geo Wissen ans Herz legen: Zeit für die Seele. Dort gibt es vielfältige Artikel zum Seele-baumeln-lassen.

P.P.S. falls die weiterführende Lektüre bereits als Werbung ausgelegt wird, will ich die Gelegenheit gleich nutzen, um Werbung für die Bibliotheken/Büchereien zu machen: Dort gibt es solche Hefte und natürlich auch Bücher zum Thema. Bei sehr vielen inzwischen sogar online. Schaut ruhig mal wieder rein!

2 Antworten zu “Es geht auch langsam

  1. Huhu Zaubi,

    erst mal gute Besserung!

    und danke für deine Gedanken. Ich verfalle zu schnell in den Hektik-Hektik-Modus; gehört zu meinem Berufsbild ja auch fast schon dazu und wird von außen befeuert (Auftraggeber wollen alles, was ich liefern soll, möglichst schnell – am besten gestern. Und ich kann doch an zwei Orten gleichzeitig sein, nicht?).

    Da muss ich immer aufpassen, dass ich auch mal nein sage und klare Ansagen mache, wenn es zu viel verlangt ist.

    Die eigene Chefin sein bedeutet ja auch – mich um einen selbst kümmern und nicht einfach nur auspowern, bis es nichts mehr geht.

    Denn grad in meinem Job sehe ich, wie viele mit Burn-Out, Herzinfarkt usw. früh in die Knie gehen.

    LG
    Bodecea

    Gefällt 1 Person

  2. Da freu ich mich, dass ich dir auch einen Input geben konnte. Gerade du als Langstreckenläuferin :) *liebdrücks*

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